Murat Demir- Eine deutsche Bodybuilding-Legende zwischen Old School & New School

Murat Demir – für die leidenschaftlichen Sportler im Bereich Bodybuilding und Fitness seit Langem ein Begriff.
Mr. Olympia Classic Bodybuilding Amateur 2011, zweifacher Mr. Universum und zahlreiche weitere namhafte Meistertitel zieren seine Wettkampfkarriere.
Wir haben uns in München mit einem, der wenigen wirklich erfolgreichen und großen, deutschen IFBB Profis getroffen, ihn bei einem Workout im legendären Ercan´s Body Gym begleitet und mit ihm über seine Sicht der Dinge auf das aktuelle sowie das vergangene Bodybuilding gesprochen.

 

Hallo Murat, zuallererst wie ist dein Befinden, geht es dir gut?
Murat: Moinsen Leute, mir geht es wunderbar, danke sehr. Ich befinde mich gerade in der Offseason, wenn man es denn Offseason nennen kann. Ich wiege zum Teil gerade weniger als in der Wettkampfvorbereitung und lasse es mir wirklich gut gehen.

Den meisten Fachkundigen aus der Bodybuildingszene solltest du bereits seit Langem ein Begriff sein. Um jedoch auch denen, welche noch nicht allzu lange in unserem Sport tätig sind, einen der erfolgreichsten deutschen Bodybuilder nicht vorzuenthalten, würden wir dir gern einige Fragen stellen.
M: Gerne, ich freue mich darauf diese zu beantworten.

Um vom Beginn zu starten, wo bist du geboren und aufgewachsen?
M: Ich bin mitten in Anatolien/Türkei geboren, in der Stadt Kayseri. Aufgewachsen bin ich jedoch in Deutschland. Mit drei Monaten bin ich hierhergekommen und lebe seitdem hier.

Wie kamst du das erste Mal mit Bodybuilding in Kontakt?
M: Mein erster Kontakt mit Bodybuilding kam dadurch zustande, dass ich als Teenager im TV muskulöse Männer wie Arnold Schwarzenegger oder Steve Reeves sah und kurz darauf auch kräftig werden und trainieren wollte. Die ersten Ansätze eines Trainings sahen so aus, dass ich Liegestützen und Klimmzüge absolvierte oder Curls mit Waschmittelkartons meiner Mutter machte. (grinst)
Das erste Mal richtiges Eisen angefasst habe ich anschließend mit knapp 16 Jahren.

Und ab dem Zeitpunkt war dir klar – ich werde Profibodybuilder?
M: Spätestens nachdem ich die erste FLEX oder das Sports Revue Magazin aufschlug und all die damaligen Profibodybuilder sah, war der Wunsch in mir geweckt, selbst Wettkämpfe zu bestreiten. Allerdings war ich absoluter Neuling und kannte nicht einmal den richtigen Unterschied zwischen Amateuren und Profis. Ich dachte, sobald man den Mr. Universum Titel gewinnt, ist man Vollprofi, somit war zu diesem Zeitpunkt dies mein größter Wunsch. Letztendlich habe ich dies zweimal geschafft!

Wer waren und/oder sind deine Idole/Vorbilder im Leben sowie im Bodybuilding?
M: So gesehen habe ich im Leben selbst keine Idole oder Vorbilder im klassischen Sinne. Ich habe stets nach vorne geblickt und meine Wünsche und Ziele im Fokus gehabt und somit an mich selbst den Anspruch gestellt, mein eigenes Vorbild zu sein.
Sportlich gesehen war und ist stets Arnold Schwarzenegger mein Idol.
Sein Werdegang mit seinen heute 70 Jahren ist unfassbar inspirierend, sportlich wie im Leben. Ein Junge, der früh nach Amerika auswandert, seine Bodybuildingträume verwirklicht, ein erfolgreicher Geschäftsmann, Schauspieler und Politiker wird – er ist und bleibt eine Legende.

Was macht für Dich den Reiz der „Goldenen Ära“ des Bodybuildings aus?
Spricht dich die klassische Ära des Bodybuildings mehr an als die aktuelle Entwicklung?
M: Der Reiz der damaligen Zeit wurde natürlich unter anderem durch die Dokumentation der damaligen Photographen und Videografen perfekt eingefangen, gleich ob es der Film „Pumping Iron“ oder die Fotos sind.
Alles wirkte entspannt, die Leute sind mit- statt gegeneinander und haben ein familiäres Verhältnis. Die Leute schienen damals eher den Spaß und den Lebensstil im Fokus zu haben statt den Ruhm und das Geld. Es war ein Lifestyle, den jeder Bodybuilder gern leben würde – morgens zum Training, mittags am Strand entspannen, abends die zweite Trainingssession und anschließend als Gruppe essen und zusammen sitzen.
Alles in allem hatte es einen großen Reiz, nicht nur für Bodybuilder an sich, sondern auch für andere Fitnessinteressierte, die auch das „normale“ Leben schätzen.
Ich finde die jetzige Entwicklung jedoch ebenso gut und werde vermutlich auch die zukünftige Entwicklung klasse finden, ich bin da ganz offen und zuversichtlich. Pauschal kann ich die zweite Frage also nicht direkt mit ja oder nein antworten, jede Zeit hat etwas für sich.

Ist es dir wichtig, dich aktuell auf die vergangenen Tage und deren Grundsätze der Ästhetik, Ausgewogenheit und vor allem dem künstlerischen Aspekt des Posings zurück zu besinnen und wieder zu erwecken?

M: Man sollte nicht nach dem Motto „früher war alles besser“ handeln, aber den roten Leitfaden beibehalten und nicht vergessen, wo der Ursprung des Bodybuildings lag.
Es war und ist nun einmal das perfekte Posing, das punktet. Denn Bodybuilding ist und bleibt eine Präsentationssportart. Das bedeutet, wenn man seinen hart erarbeiteten Körper nicht in Szene setzen kann, wird auch der beste Athlet auf der Bühne keine ruhmreiche Beachtung finden.
Ästhetik, ein riesiger Faktor. Die meisten Bodybuilder fanden ihre Faszination zum Sport, indem sie jemanden gesehen haben, der ästhetisch schön anzusehen ist und gegebenenfalls sogar Menschen anspricht, welche nichts mit Bodybuilding zu tun haben. Die Motivation solch einen Körper durch Fitness anzustreben, ist diese Ästhetik.
Dahingehend sollte es schon zurück zu den Wurzeln gehen, vor allem das Profibodybuilding im Schwergewicht. Es nimmt zunehmend Überhand, dass die Athleten immer massiger und härter werden, dabei wird der Fakt ausser Acht gelassen, dass es nicht nur nicht mehr schön, sondern auch nicht mehr gesund ist und das sollte nicht so sein.

Die Classic Physique Klasse kam für dich also wie gerufen!
Wie ist es für dich mit ebenso bekannten Größen wie bspw. Darrem Charles, welcher als Urgestein mit als einer der mit Abstand besten Poser im klassischem Bodybuilding gilt, wieder gemeinsam auf der Bühne zu stehen? Und vor allem den Anhängern der alten Glorie genau das bieten zu können, was sie lange vermisst haben?

M: Definitiv, es kam wie gerufen! Seitdem ich mit 20 Jahren bei den Junioren meinen ersten Wettkampf bestritten habe und es noch keine Classic Bodybuilding oder Classic Physique Klassen gab, habe ich trotz allem meine Amateurkarriere dem klassischen Bodybuilding gewidmet. Auch wenn viele um mich herum sagten, ich hätte schwerer und massiver antreten können, so bin ich dem stets treu geblieben. Bis ich schließlich im Jahre 2011 den für mich bedeutendsten Titel errungen habe – Mr. Olympia Amateur im Classic Bodybuilding.
Heute ist es mir eine große Ehre mit Männern wie Darrem Charles, von dem ich bis heute ein Fan bin und ihn mit Abstand als besten Poser sehe, auf der Bühne stehen und posieren zu können. Ich fühle mich in diesen Momenten stets wieder wie ein kleines Kind, wenn ich neben ihm stehe, was mir bereits dreimal vergönnt war. Es ist wunderbar gemeinsam dort oben zu stehen und sich gegenseitig zu respektieren – einfach eine tolle Sache.

Da wir gerade bei den Wettkämpfen sind, möchtest Du uns etwas zu deiner weiteren Planung verraten?
M: Zunächst einmal würde ich sehr gern an der Original Arnold Classics in Ohio teilnehmen, welche im März 2018 stattfinden wird und für die man eine Einladung braucht. Es ist mein Ziel, diese zu erhalten und mich erst einmal fokussiert auf diesen einen Wettkampf vorzubereiten.

Was sind deiner Meinung nach die grundlegenden und wichtigsten Tugenden oder Charaktereigenschaften, die man für unseren Sport innehaben sollte?
M: Disziplin und Geduld sind grundlegend – der eiserne Wille alles knallhart durchzuziehen.

Ein Titel, der dich zum Teil charakterisiert, ist dein Spitzname „THE RIPPER“. Wie kamst du zu deinem Nickname?
M: Meinen Spitznamen “The Ripper” erhielt ich von einem in der Szene sehr bekannten, australischen Videographen namens Wayne Gallash. Er fand ihn aufgrund meines alljährigen “gerippten” Looks sehr passend.
Ich nahm ihn gern an und trage ihn bis heute.

Obwohl Bodybuilding im Endeffekt ein Einzelsport ist, spielen unserer Ansicht nach der Teamaspekt, die Gemeinschaft und die gegenseitige Unterstützung eine elementare Rolle. Dies propagieren wir, wie Du ja weißt, beispielsweise durch unsere Slogans #stärkedurchgemeinschaft oder #loyalzumrudel sowie veranstaltete Community Events. Wie siehst du diese Aspekte?
M: Im Allgemeinen mag man denken, dass für viele der Sport eine egoistische Sache ist. Dem ist aber nicht so, wenn man es genauer betrachtet. Wenn man als Team zusammen arbeitet – ob man einen Trainingspartner oder einen Coach hat, ob man zuhause eine Partnerin oder einen Partner hat, die oder der einen unterstützt – ist man gemeinsam auch im Bodybuilding viel viel stärker. Bis zu einem gewissen Punkt mag man es auch allein schaffen, jedoch erleichtern es dir Menschen, die dir den Rücken stärken, ungemein. Ich denke, jeder erfolgreiche Bodybuilder weiß, wovon ich spreche.

Was mit Sicherheit auch viele Krieger und Kriegerinnen aus unserer und deiner Community wissen möchten, ist, was dir vor einem angesetzten Training durch den Kopf geht. Hast du bereits einen Plan gefasst, wie dein Workout verlaufen wird oder lässt Du dich spontan nach deinem Gefühl lenken?
Bringst Du dich vorab in eine gewisse Stimmung, die dich auf den vor dir liegenden Kampf vorbereitet?
M: Früher als ich noch im 3-Schicht-System gearbeitet habe, musste ich alles planen. Deshalb war mein Training natürlich auch vorab aufgestellt, welche Tage, welche Muskelgruppen oder Übungen. Alles war exakt getimet. Heute ist es so, dass ich instinktiv trainiere. Ich weiß, welche Muskelpartie ich trainieren werde, aber wie genau mein Training aussehen wird, zeigt sich erst, wenn ich im Gym bin. Ich bin an einem Punkt, an dem ich nicht mehr die schwersten Gewichte benötige, um die Muskelkontraktion oder den Reiz zu setzen und weiß genau, welche Übungen ich optimal einsetzen kann, um effektiv Erfolg zu haben.
Um mich in passende Stimmung zu bringen, nehme ich ab und an mal einen Booster (Olimp Sports Nutrition), trinke ein zwei Tassen Kaffee oder höre vorab anspornende Musik im Auto. Meistens brauche ich diese Dinge aber nicht, die Motivation beginnt im Kopf!

Zu deinen Stärken zählen ohne Zweifel deine Arme, dein Rücken und deine Beinpartie – was trainierst du am liebsten?
M: Zurzeit liebe ich es Rücken und Schultern zu attackieren, das Gefühl ist der Wahnsinn. Auch wenn meine Beine eine meiner Stärken sind und zum Teil in meiner Karriere dominierend waren, habe ich das Beintraining nie lieben gelernt. Ich hasse Beintraining! (lacht)

Ist dein Ernährungsansatz ebenfalls an die 70erJahre angelehnt, also eher HCLF oder mixt du je nach aktueller Zielsetzung einige Ernährungsstrategien?
M: Meine Ernährung gleicht absolut nicht der aus den 70er-Jahren! (lacht)
Zu Beginn, als ich noch unerfahren war und mir Leute von den alten Ansätzen berichtet haben, habe ich mich auch nach dem Motto High Carb Low Fat ernährt. Ich hatte zwar gute Erfolge damit, aber habe dann letztendlich auf Low Carb High Fat geswitcht und fahre damit am
besten.

Hast Du vielleicht einen kleinen Geheimtipp für unsere aufmerksamen Leser und Zuschauer, den sie in ihre tägliche Ernährung einbauen können, um an einer weiteren Stellschraube für ihren Fortschritt zu drehen?
M: Geheimtipps gibt es im Grunde nicht, Beständigkeit und Disziplin sind der Schlüssel. Aber als kleine Anmerkung, bei meiner zuvor angesprochenen Ernährungsweise (LCHF), bleiben Dauerhunger und Hungerattacken eher aus als bei HCLF. Das bestätigt mir auch die Erfahrung, die ich mit vielen meiner Coachingkunden dahingehend machen konnte.

Kommen wir zu einem weiteren Faktor, welcher in den letzten Jahren immer mehr Einfluss erlangt hat – Social Media.
Wie siehst Du die Entwicklung in diesem Bereich?
M: Social Media ist eine riesen Bereicherung für unsere Sportart. Ohne diese Wege hätten beispielsweise wir nicht so großen Andrang auf Messen und Expos wie z.B. auf der FIBO. Jegliche Sparten im Fitness und Bodybuilding, seien es Supplements oder Sportbekleidung, profitieren davon. Ebenfalls war es vielen Sportlern möglich, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Das war vor einigen Jahren nur wenigen auserlesenen Profis möglich. Ich freue mich sehr über diese Entwicklung und wünsche mir, dass dieser Prozess noch weiter voran schreitet.

Man kann also sagen, du denkst, dass die Leidenschaft für Bodybuilding und Fitness gefördert wird und der einstmalige Nischensport wiederbelebt und salonfähiger gemacht wird.
Genau dies ist unser Ansatz! Wir freuen uns, einen so kräftigen Mitstreiter für die Sache in Dir gefunden zu haben und bedanken uns herzlich bei dir für dieses Interview. Das Beste für dich und deine Zukunft!
M: Ich bedanke mich für Euer Interesse und wünsche alles Gute.
Verliert nicht den Spaß und vor allem nicht eure Leidenschaft, dann werdet ihr weiterhin erfolgreich sein!

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2017-10-04T14:17:47+00:00